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In den gewaltigen Hallen des Leipziger Hauptbahnhofes fluteten die Menschenmassen hastig hin und her. Über die Treppen strömten immer neue Scharen, sich mit denen vermengend, die unten bereits harrten, die aus diesem Gebäude nicht scheiden konnten, ehe sie nicht noch einen bewundernden Blick auf den kühnen Betonbogen des Querbahnsteiges oder auf die Schönheit der Empfangshalle geworfen hatten. Viele Hunderte von Menschen und doch kein gemeinsames Band, jeder einzelne mit sich selbst beschäftigt, hastend, ausspähend, fragend, suchend, und endlich findend. Das junge Mädchen, das mit einer eleganten Handtasche soeben den Wartesaal betrat, blieb zögernd an der breiten Tür stehen und ließ die großen braunen Augen suchend über die zahlreichen besetzten Tische schweifen. Endlich wandte sie sich wieder rückwärts und verließ durch die Haupthalle den Bahnhof. Ein Gefühl der Unsicherheit überkam sie, als sie hier das Leben des Bahnhofsplatzes erblickte. Niemals hatte sie von Leipzig ein solch modern großstädtisches Gepräge erwartet. Ein sinnbetörendes Geräusch schallte zu ihr her, Straßenbahnen, Kraftomnibusse, Pferdedroschken und Automobile jagten an ihr vorüber, und doch war alles in so musterhafter Ordnung, daß ein Gefühl der Unruhe kaum aufkommen konnte. Wie herrlich mußte es hier im Sommer sein. Die auf dem Bahnhofsplatz angebrachten Anlagen ließen auch jetzt trotz des zeitigen Frühjahrs bereits die sorgsame Hand des Gärtners erkennen. Die zahlreichen immergrünen Tannen verliehen dem gewaltigen Terrain, das sich vor ihren Augen ausbreitete, ein recht freundliches Gepräge. Dem Fremden, der zum ersten Male Leipzig von hier aus erblickte, mußte ein freundliches Bild ins Herz fallen. Staunend blickte Gabriele von Auern empor. Imposante Großstadthäuser, elegante Hotels, allen voran aber der Prachtbau der Handelsbörse umrahmten den Platz. Hier hätte sie noch lange staunend stehen können, um dies weltstädtische Bild in sich aufzunehmen, aber die Zeit drängte. Wenn sie sich nicht beeilte, traf sie den Bruder vielleicht nicht mehr daheim. Sie zog ihre kleine, goldene Taschenuhr. Der Zeiger wies auf wenige Minuten nach acht. Ein ganzer Tag lag noch vor ihr. Joachim sollte ihr die Schönheiten der Pleißestadt zeigen, dann erst wollte sie weiter. Ein leiser Schatten ging über das ebenmäßig schön geschnittene Antlitz des jungen Mädchens. Rasch strich sie sich mit der behandschuhten Hand über die Stirn und schüttelte den Kopf, als wollte sie trübe Gedanken verjagen ...

Dettagli

Generi Romanzi e Letterature » Classici

Editore Books On Demand

Formato Ebook con Adobe DRM

Pubblicato 21/05/2019

Lingua Tedesco

EAN-13 9783735761798

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Eisernes Wollen
 

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